
Armenien, der berühmte 3G-Camping in Goght, 26°C mit blauem Himmel, 2750 Kilometer Luftlinie von Mönchwinkel… wir sind wieder unterwegs.
Nach der Reise ist vor der Reise. Das trifft es auf den Punkt. Während wir uns wieder einsortieren, ein paar Vorträge halten und sogar ein Buch auf die Beine stellen, werden wir immer wieder gefragt: „Und, wann geht’s wieder los?“ Diese Frage stellten wir uns natürlich auch. Leo wechselte auf das Gymnasium, Antonia wurde eingeschult. Die Ampeln standen also erstmal auf Rot. Doch dann kam Gelb. Leo fasste den Entschluss, ein Auslandsjahr in der 11. Klasse zu machen und bekam einen Platz für Uruguay. Magdalena fasste wieder Fuß in der Wissenschaft und ein paar spannende Forschungsfragen warteten auf einen Auslandseinsatz. Als alle administrativen Hürden genommen waren, schaltet im Sommer 2026 die Ampel auf Grün. Zu dritt machen wir uns mit FRED erneut auf den Weg. Ein Jahr von West nach Ost nach Süd nach West und zurück nach Ost. So der Plan. Was sich schlussendlich realisieren lässt, werden wir spontan sehen. So wie immer.
FRED ist gepackt und fit. Das Haus abgerüstet und für unsere liebe Freundin Jana vorbereitet. Mitte August winken wir Leo im Zug nach Frankfurt am Main. Die Abschiedstränen sind kaum getrocknet, da sind wir schon in Tschechien, essen gebackenen Käse unter der Burg Cesky Sternberk und rutschen mal wieder eine der längsten Wasserrutschen Europas in Szeged, Ungarn. Es ist ungewohnt zu dritt in FRED. Auf unseren letzten Urlaubsreisen mit Leo wurde es doch merklich enger, je größer die Kinder wurden. Die Konstellation ist nun etwas anders. Nicht mehr zwei Jungs und zwei Mädchen, sondern ein Junge und zwei Mädchen. Auch spannend… Irgendwie ist doch alles so voll in den Schränken, als wären wir zu viert. Naja, Antonia ist nun auch schon fast 11 und da müssen natürlich auch mehr Sachen mit.
In Serbien schlagen wir uns die Bäuche mit Cevapcici voll, besuchen das Kloster Ravanica und sind schon einen Tag später in Bulgarien. Wir wollen Strecke machen. Erstmal so weit wie möglich nach Osten, nach Armenien, bevor es zu kalt wird. In Bulgarien entdecken wir das süße Bergdörfchen Stare Stefanovo, wo wir uns mit Ziegenkäse eindecken. Hier könnte man auch gut leben. Aber unser Ziel ist Varna. Von hier fährt eine ukrainische Fähre nach Batumi/Georgien. Das würde uns die Nordstrecke durch die Türkei sparen, also viele Kilometer und Tage. Eine telefonische Voranfrage war ergebnislos. Unser Camper würde als LKW eingestuft und damit statt 750 Euro mal eben 2000 Euro kosten (da 5 Tonnen Gewicht und die Grenze bei 3,5 Tonnen ist). Vor Ort hofften wir auf ein zugedrücktes Auge. Antonia war sehr aufgeregt. Sie wollte unbedingt auf das Schiff, hatte genug von Hitze, Hetze und Fahrerei und zog ihr schönstes Kleid an. Der bulgarische Agent gab sein Bestes, telefonierte mit Odessa, aber von dort gab es keine Ausnahme. Die Enttäuschung lies bei Antonia die Tränen fließen. Jan studierte schon die Karten auf der Suche nach der kürzesten Route, als er eine magische blaue gestrichelte Linie von Burgas/Bulgarien über das Schwarze Meer nach Batumi entdeckte. Kurz recherchiert, tat sich sogleich auf wunderbare Weise eine neue Tür auf.
Nur einen Tag später legte eine große bulgarische LKW-Fähre, mit viel rostiger Patina, von Burgas nach Batumi ab. Das Ticket um Welten günstiger als von Varna. Mit von der Partie – eine furchtbar glückliche und aufgeregte Antonia, sowie eine bunte Schar Reisender. Verladung und Abfertigung bis in die frühen Morgenstunden, ein Abenteuer für sich. Der alte Kahn schwankte, ein Motor fiel unterwegs komplett aus und die Überfahrt dauerte einen Tag länger als geplant. Doch wir hatten eine eigene Kabine, drei Mahlzeiten am Tag, viele herzliche Trucker und am Ende ein paar wundervolle neue Reisebekanntschaften. Noch bevor Batumi in der Abenddämmerung erschien, konnte Antonia mehrere Delfinsichtungen in ihrem Tagebuch verzeichnen und hatte mit fast jedem den sie greifen konnte eine Runde MauMau oder Smoki gespielt. Man genießt halt so einige Vorteile als einziger junger Wurm auf so einem Dampfer.









In Batumi verbringen wir unsere erste Nacht an bekanntem Platze unter dem Buchstabenturm. Am Morgen geht es direkt zum Bäckeropi in seinen Keller zum Shoti-Brot kaufen. Noch bevor wir wieder bei FRED sind, ist es schon aufgegessen. Der Rest ist Reiseroutine – Versicherung besorgen, Telefonkarte kaufen und Stellplatz suchen. Letzteres ist gar nicht mehr so einfach. Batumi hat sich sehr gewandelt. Viele neue Apartmenthäuser sind entstanden bzw. entstehen. Die Stadt scheint voller als in der Erinnerung. Nach den Autokennzeichen zu urteilen, zieht es hauptsächlich Russen und Ukrainer hierher. Wir bleiben nicht lange, uns zieht es hinaus in entspanntere Gefilde.
So verbringen wir etwas Zeit am Meer, baden und kommen erstmal in Ruhe an. Beim Abendessen erleben wir noch eine wilde georgische Geburtstagsfeier mit viel Tanz und Livemusik, dann brechen wir am kommenden Morgen endgültig in das Landesinnere auf. Vorher aber verabschieden wir uns von Chris und Christiane, neuen Reiserfreunden von der Fähre. Sie kommen aus Speyer. Wohnhaft nur wenige Blogs von lieben Freunden, die wir auf unserer letzten großen Reise kennengelernt haben. Wie klein doch die Welt ist…
Um Antonias Erinnerungen aufzufrischen, geht es zunächst nach Kutaisi, Tskaltubo und in den Okatse Canyon. Zwischendurch wird FRED ordentlich gewartet und abgeschmiert, damit bei der Überquerung des Zekari Passes keine Schraube auf der Strecke bleibt. Die müden Glieder werden anschließend im heißen Thermalwasser von Abastumani kuriert und die hoch aufsteigende Tamara-Burg zum dritten Mal innerhalb von 10 Jahren erwandert. In Vardzia kriechen wir mit Antonia durch jede Höhle und sie schreibt für einen Schulbericht ganz fleißig in ihrem Notizheft mit. Weiter hinten im Tal versteckt, entdecken wir ein kleines Höhlenkloster (Johannes der Täufer) fernab aller Touristenströme. Erst vor kurzem verstarb der Mönch der hier lebte und wurde auch an Ort und Stelle begraben. In seiner Kammer stehen am Bett noch seine Schuhe, liegt seine Lesebrille neben einem Buch, sind in einem Regal seine Vorräte. Es geht unter die Haut.
Weiter unterwegs überlegen wir, ob denn Georgien noch ein Geheimtipp ist. Viel von dem rustikalen Charme wird wegsaniert, immer mehr Touristen sprudeln in das kleine Land und die Gastfreundschaft scheint unter Druck. Aber das ist natürlich nur unser ganz persönlicher erster Eindruck nach fünf Jahren. Wir jedenfalls legen eine Pause ein und machen uns auf den Weg nach Armenien.








Bei Ashotsk überqueren wir die Grenze. Es ist fast ein Kinderspiel. Alles verläuft geordnet, digital und mit Visa bezahlbar. Ganz anders als das analoge Wirrwarr noch vor zehn Jahren. Eine SIM-Karte gibt es in nur zehn Minuten für zehn Euro und schon ist man wieder für ein Monat unlimited Online. Ich erinnere mich noch an den mutigen Abruf des Wetterberichts, damals vor zehn Jahren an gleicher Stelle mit deutscher SIM-card. Unser einziges Online-gehen innerhalb von einem Monat. Das kostete auch zehn Euro. Wie einfach doch das Reisen in der digitalen Welt geworden ist. Apps wie Park4night und ioverlander machen einem die schönsten Stellplätze schon Tage vorher schmackhaft und die schweißtreibende Suche kurz vor Sonnenuntergang obsolet. Kleine Icons für die „most local“ Restaurants, die günstigsten Wäschereien und welche Straße man besser mit 4×4 und nicht mit 2wd befährt. Es fällt schwer, diese kleinen Helferlein aus und das Abenteuer wieder einzuschalten.
Armenien empfängt uns freundlich und ganz anders als Georgien. Viele Straßen sind im schlechten Zustand, außer dort, wo sie militärische Bedeutung haben. FRED ächzt und stöhnt unter all den Stößen und Verschränkungen. Aber das gehört dazu. Schrauben sind doch auch zum Nachziehen da. Unser erster längerer Halt ist in Dilidschan. Hier erleben wir spontan ein fulminantes Open-air Konzert des philharmonischen Orchesters Armeniens unter Leitung eines enthusiastischen italienischen Dirigenten. Als dann auch noch Queen und Michael Jackson mit solchem Druck gespielt wird, bleibt kein Fuß am Boden.
Dilidschan hält uns unfreiwillig noch etwas länger fest. Ein amtlicher Magen-Darm Virus setzt uns nacheinander außer Gefecht. Erst Jan, dann Magdalena. Einigermaßen wiederhergestellt, besuchen wir noch ein nahe gelegenes Kloster, bevor Antonia plötzlich heftige Krämpfe und Schmerzen bekommt, kreideweiß und fast ohnmächtig wird. Wir fahren direkt ins Krankenhaus nach Dilidschan zurück, wo Antonia erneut zusammenbricht. Mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln bedacht, werden wir nach Yerevan ins Kinderkrankenhaus weitergeschickt, da kein Kinderarzt vor Ort ist. Unterwegs dann der nächste heftige Anfall – jedoch mit Erlösung. Die Kabine vorne wird mit Antonias Mageninhalt bedacht. Nun wissen wir was sie hat, nämlich ebenfalls den Virus nur mit anderer Ausprägung. Trotzdem fahren wir in der Nacht bis nach Yerevan und parkieren auf dem Parkplatz des Kinderkrankenhauses. Einzige positive Überraschung unterwegs ist der erhabene Gruß des Ararats. In voller Pracht glänzt seine weiße Mütze in der Abendsonne und auch sein kleiner Bruder gibt sich alle Mühe. Ein bewegender Moment, denn vor fünf Jahren sahen wir ihn vom Westen her und sehnten uns so sehr nach dem Osten. Jedenfalls ist auch Antonia nach drei Tagen erlöst und es wird höchste Zeit für eine längere Session im Waschsalon. Ein weiterer Besuch im Krankenhaus war zum Glück nicht mehr nötig.
Nachdem wir die Hauptstadt noch ein wenig erkundet haben, lassen wir Lärm und Dichte hinter uns und fahren zurück zum Sevansee. Dort schlagen wir uns erstmal die malträtierten Bäuche mit Forelle, Soljanka, Pommes und Bouletten voll. Hoch hinauf auf alten Karawanenwegen der Seidenstraße geht es weiter gen Süden. Unterwegs werden wir für einige Stunden der Straße verwiesen, denn die Tour of Armenia passiert in diesen Augenblicken den Sevansee. Wenig später erreichen wir dann den 2400 m hohen Selimpass. Hier hat uns die Ruhe und die lang ersehnte Weite wieder. Direkt auf dem Pass übernachten wir und tauchen ein in eine sternenübersäte Nacht.
Im Bergdörfchen Kapuyt kommt endlich unser kleiner Wanderführer wieder zur Geltung. Von diesem mystischen, halb verfallenen mittelalterlichen Dorf führt eine Wanderung durch kleine Schluchten zu einem prächtigen, natürlichen Basaltbogen. Antonia braucht viel Motivation und ist am Ende dann doch stolz mit den komischen Eltern („Warum geht man immer hoch, wenn man dann doch wieder runter geht…“) das imposante Ziel erreicht zu haben. Auch FRED gibt alles. Täglich geht es die Pässe hoch und wieder runter, tausend Meter in die eine und andere Richtung. Die Bremsen qualmen, Kühlwasser über 100°C, Schrauben lockern sich und dann die todesmutigen armenischen Verkehrsteilnehmer, die den unzähligen Kreuzen am Straßenrande trotzen.
Der alte sowjetische Kurort Jermuk, wo wir zu schön warmen und stinkenden Thermalquellen wandern (und baden) und der Shaki Wasserfall sind die nächsten Highlights auf der Route. Letzterer wird immer morgens um 10.30 Uhr „angestellt“, wenn ein obenliegendes Reservoir seine Schleusen öffnet. Ein tolles Schauspiel, dass wir so auch noch nicht erlebt haben. Vorbei am Kloster Vorotan und einem weiteren Thermalbadebecken (natürlich mit Badepause), geht es hinauf zum weltberühmten Bergkloster von Tatev. Weltberühmt auch deshalb, weil hier die längste Seilbahn der Welt zwischen den Schluchten dahinschaukelt. Auf dem Parkplatz der Seilbahn, der gern auch als Stellplatz für Wohnmobile genutzt wird, legen wir eine zweitägige Pause ein. FRED braucht einige dringende Wartungen. Spontan entsteht ein kleines Basiscamp mit zwei Schweizer Familien, die mit ihren Womos auch hier parkieren. Ideen werden ausgetauscht, Pläne geschmiedet, Lebensphilosophien abgeglichen. Genau diese spontanen Bekanntschaften sind doch die feinste Würze des Reisens.
Über die Bergstadt Kapan, wo wir zum Einkaufen und Hamburger essen stoppen (auf intensiven Wunsch von Antonia hin), geht es hinauf zum Gomarants Pass. Von hier aus wandern wir am kommenden Morgen, nachdem sich die Wolken gelichtet haben, auf den 2825m hohen Payazat. Die Aussicht von hier oben ist grandios. Südlich liegt der Arevik Nationalpark, mit Wölfen, Leoparden und Bären, von denen wir aber leider keine zu Gesicht bekommen. Zur Belohnung für die Anstrengung gibt es am Abend Nudeln Bolognese, Boardkino mit „Spuk unterm Riesenrad“ und eine ruhige Nacht im friedlichen Schatten der Berge.














Wir erreichen den östlichsten Punkt unserer Reise und streifen kurz die Iranische Grenze. Etwas Wehmut und doch viel positive Energie strömt in uns, bei den aufkommenden Erinnerungen an unsere letzte große Reise. Diesmal winken wir nur und schicken ein paar liebe Gedanken über den Grenzfluss Araks. Wir vermissen den Iran sehr. Von nun an geht es erstmal wieder nur nördlicher und westlicher Richtung. Bis zur Bergbaustadt Kajaran und weiter den Kreis schließend in Kapan, fahren wir entlang der neuen alten Seidenstraße im Todesgalopp mit unzähligen LKW’s aus dem Iran. Unterwegs mehrere Wracks in den Schluchten, abgerissene Trailer auf der Strecke und brennende Bremsen. Zum Glück wird die Strecke komplett neu gebaut. Tunnel und Brücken entstehen im Rekordtempo. Bauherr auch hier – China. Wir überlegen, was denn eigentlich unsere kleine kaputte Brücke in Dresden so macht… Der Fahrtag ist mit der anstrengendste bisher. Unabhängig von den Iranischen LKW-Gauchos, geht es für uns und FRED auf und ab. 1200-400-2500-1100m sind die Höhenmarken, die wir über unzählige Serpentinen passieren.
Hier im Süden steht noch eine letzte Wanderung auf dem Programm. Vom Kloster Vahanavank zur alten Burgruine Halidzor. Es geht durch dichten Mischwald und räuberische Schluchten. Es fühlt sich an wie ein Stück auf der Landkarte verrutschte Karpaten. Über Tatev geht es noch nach Goris und zur Höhlenstadt von Khndzoresk. Hitze, Staub, Verkehr und kurze Nächte machen uns jedoch immer mehr zu schaffen. Wir merken, dass wir dringend eine ausgiebige Pause brauchen. Auch stimmen die extreme militärische Präsenz, die unzähligen Bunkerneubauten und Kriegsdenkmäler sehr nachdenklich. Der Frieden mit den Nachbarn scheint nur auf Zeit gebucht zu sein. Wir spüren, dass sich das auch in den Menschen widerspiegelt, die wir unterwegs treffen.
Schließlich erreichen wir beim 3G-camping unsere lang ersehnte Oase. Ein kleiner Mikrokosmos an reisebegeisterten Menschen aus aller Welt erwartet uns. Von einigen hat man schon von anderen unterwegs gehört. Sofort entstehen auch hier neue Bekanntschaften. Dazu gibt es einen Pool, ruhige Nächte, Duschen, Toiletten, keine Stellplatz- und Wassersuche und kein Fahrstress. Jan kann endlich eine unschöne Sehnenscheidentzündung in der Hand auskurieren, Fotos werden sortiert, FRED gesäubert, Wäsche gewaschen und die langsam überfälligen Blogs angegangen. Wie es routentechnisch weitergeht, ist erstmal nicht so wichtig. In ein paar Tagen müssen wir jedenfalls wieder aus Armenien ausreisen. Dann kommt noch einmal Georgien und irgendwann die Türkei. Langsam fassen wir, dass wir wieder unterwegs sind. Nicht sechs Wochen, sondern 11 Monate. Das fühlt sich sehr gut an…















